Kaum ein anderes Land ist so für die Weidewirtschaft geschaffen wie Neuseeland. Auf den endlosen Hügelketten ist eine Menge Platz für Kühe und Schafe, dank des feuchtwarmen Seeklimas sind die Viehweiden immer mit saftigem Gras bedeckt.

Das Leben und Arbeiten mit Nutztieren gehört für viele Neuseeländer zum täglichen Leben und ist aus dem Alltag der Kiwis nicht wegzudenken. Aber wie lebt es sich auf den Kuh- und Schaffarmen des Landes? Wie läuft der Alltag der Farmer ab und: Macht die Landwirtschaft mit den Vierbeinern Spaß?

Ich wollte mir diesen wichtigen Teil von Neuseelands Kultur nicht entgehen lassen und habe mich auf zwei verschiedenen Farmen in den Landwirts-Alltag gestürzt.

Dairy farming – Das Geschäft mit dem weißen Gold

Unglaubliche 95% von Neuseelands Milchproduktion werden in die große weite Welt verschifft! Milch fließt in Neuseeland also in rauen Mengen. Wer aber sein Glück im „Dairy business“ finden will, der muss von drei Dingen mehr als genug haben: Zeit, Ausdauer und Leidenschaft.

Acht Tage lang habe ich auf einer Milch-Farm im South Waikato District der Central North Island gewohnt und am Alltag „meiner“ achtköpfigen Landwirtsfamilie teilgenommen.

Bereits am ersten Tag wird deutlich: Kneifen gibt´s nicht, hier muss jeder mit ran. Selbst die Jüngsten packen im Stall und im Haus mit an, irgendwas gibt es immer zu tun.

Zwei Mal am Tag wird gemolken. Reihe für Reihe werden hunderte von Kühen in den Melkstall getrieben, das Prozedere dauert mehrere Stunden und muss jeden Morgen vor Sonnenaufgang und jeden Nachmittag wiederholt werden.

Rund um die Uhr ein Vollblut-Farmer

Die mehreren Hundert Kühe und Kälber wollen versorgt werden, das bedeutet nicht nur Füttern, sondern auch Zäune ziehen, den Futtermais für den Winter sähen und ernten, den Melkstall sauber und die Maschinen in Schuss halten. Der gesamte Tag wird an der frischen Luft verbracht, die Arbeitskluft (Gummistiefel, Sweatshirt und Arbeitsjeans) wird so gut wie nie abgelegt. Es ist richtig viel zu tun, meine beiden Gastgeber fanden an vielen Tagen noch nicht einmal Zeit für ein Mittagessen. Der Tag scheint kaum genug Stunden zu haben für die Arbeit, die auf dem Hof anfällt. Neben der Milchproduktion selbst ist auch der Verkauf von Milchkühen eine wichtige Einnahmequelle. Der Farmer muss sich genau überlegen, wann er welche Kuh zu welchem Preis verkauft. Die Konkurrenz ist groß und Verluste schnell gemacht.

Mir ist aufgefallen, wie viel Pflichtbewusstsein und Eigenmotivation sogar die Kinder an den Tag legen. An einem stürmischen, grauen Tag fiel die Wasserpumpe für die Tränken der Kuhweiden aus. Konzentriert arbeiteten der elfjährige Sohn meiner Familie und der Nachbarsjunge mehrere Stunden an der Lösung des Problems – ohne, dass sie jemand dazu aufgefordert hätte.

„Uns geht es gut und es fehlt an nichts – aber jeder Dollar ist hart verdient“, sagte meine Gastgeberin einmal. „Bei uns sind es allerdings nicht die Eltern, die das Geld ins Haus bringen, sondern alle, die ganze Familie.“

Ob sie sich manchmal ein entspannteres Leben wünschen? “ Nein, niemals. Wir waren schon immer Farmer und genießen diesen Beruf. Klar, viel Freizeit haben wir nicht – aber das Milchgeschäft ist ein Lifestyle, und zwar einer, der perfekt zu uns passt.“

Unter Schafen im Süden der Nordinsel

Wer an Neuseeland denkt, denkt an Schafe. Rund 30 Millionen von ihnen grasen auf den grünen Hängen der beiden Inseln. Das weltberühmte „New Zealand lamb“ ist bekannt für sein aromatisches Fleisch und auch die Wolle der flauschigen Tiere gehört zu Neuseelands Top-Exportgütern.

Auf „meiner“ zweiten Farm in der Nähe von Wellington geht es nicht um Milch, sondern um Wolle und Fleisch – die Regeln sind aber die selben. Je mehr helfende Hände, desto leichter die Arbeit. Ca. 10.000 Schafe und einige hundert Kühe grasen hier auf grünen Hügeln, bis an den Hoziont reiht sich Weide an Weide, das Arreal ist riesig. Mein Gastgeber verliert dennoch nie den Überblick. Ihm gehört die Farm schon seit über zwanzig Jahren, davor hat sie sein Vater besessen. Das Einmaleins der Landwirte kann er schon seit seiner Jugend in und auswendig. Aus welcher Richtung wird morgen der Wind wehen? Wird es zu regnerisch zum Aussähen des Winterfutters? Ein Blick in den Himmel und er weiß Bescheid.

So wie vor Hunderten von Jahren ist die Landwirtschaft in Neuseeland noch heute Familientradition. Das Wissen und später auch das Land werden von Generation zu Generation weitergegeben. Der jeweilige Eigentümer hegt und pflegt seinen Besitz wie einen Schatz, denn ein Farmgrundstück ist heutzutage in Neuseeland nahezu unbezahlbar.

Zeit zum Scheren

Die Schafwirte der Region kennen sich. Wie selbstverständlich packen auch die Nachbarn und Freunde zur Zeit der Schafschur mit an. In der Regel wird ein Schaf drei Mal innerhalb von zwei Jahren geschoren, direkt vor Weihnachten ist Hauptsaison. „Wenn wir scheren, verbringen wir zum Teil mehrere Tage hintereinander im Scher-Stall.“ sagt mein Gastgeber. „ Wer es noch nie ausprobiert hat, kann sich schwer vorstellen, wie hart diese Arbeit ist. Die Schafe wiegen um die 70 bis 80 Kilo, jedes Vlies sechs bis acht Kilo. Wenn man zusammenrechnet, wie viel Gewicht pro Tag durch unsere Hände geht, kommt man auf mehrere Tonnen.“ Ich kann es bestätigen: Ein Schaf zu scheren ist Knochenarbeit. Ich durfte es ausprobieren und war bereits nach zwei Bahnen mit der Schermaschine schweißgebadet. Ein ganzes Schaf scheren? Unvorstellbar!

Ein stattlicher Haufen: Hier liegen die Pelzmäntel zweier Schafe

Neuseeländisches Farmleben: Ein Alltag mit ganz eigenen Regeln

Das Leben und die Arbeit auf der Farm kann durchaus hart sein. Aber es verleiht einem auch viele Fähigkeiten, von denen viele von uns eine gute Portion gebrauchen könnten: Zielstrebigkeit, Durchhaltevermögen, Selbstkenntnis und ein Verständnis für die Natur, mit und in der gearbeitet wird.

Hier auf Neuseelands Farmen leben die Menschen in einer ganz anderen Geschwindigkeit. Die Tiere bestimmen den Tagesablauf, Arbeit und Freizeit klar zu trennen funktioniert kaum. Und doch bleibt die Idylle vom Landleben selbst in der sonst stressigen Neuzeit erhalten. Die über Jahrzehnte gewachsene Gemeinschaft der benachbarten Viehwirte, die frühen Morgen auf der Weide, das Leben und Arbeiten an der frischen Luft hat einen ganz besonderen Charme – da werde ich glatt ein bisschen neidisch…

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